kuekensalat

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Ein Kommentar

Die anonymen Allesfresser

Nach langem Zaudern, Weinen und mich selbst im Spiegel vermessen hat es sich ergeben, dass das Fahrrad allein (ich berichtete im Sommer..) nichts gebracht hat. Ich sehe noch genauso aus wie vor einem halben Jahr. Eigentlich keine schlechte Quote. Immerhin habe ich mich in der Zwischenzeit weder in eine Kugel mit Bierbauch noch einen pfannkuchenförmigen, rudimentär humanoiden Blob verwandelt. Trotzdem.

Und vor allem nachdem Monsieur Herzkasper vorschlug, mich zu unterstützen und parallel mit dem Rauchen aufzuhören FALLS ich mein Ziel erreiche – fühle ich mich quasi verpflichtet, ihn dazu zu zwingen. Seinetwegen natürlich. Völlig uneigennützig. Klar habe ich auch keinen Bock, ihn mit 45 zu beerdigen. Lästig, so ne Beerdigung. Und immer diese schwarzen Klamotten. Deh.

Als die selbst verordnete Radikaumstellung mich aber trübsinnig an einem Sellerie kauen und gleichzeitig sabbernd Monas Schokolade angeiern lässt, muss ich doch andere Geschütze auffahren. Hungern ist nur was für Leute mit der Disziplin chinesischer Turnkinder.
Also fahre ich jetzt auf den Hof der Seniorenresidenz „Casa Irgendwas“ in der das berühmt-berüchtigte „WeightWatchers“ Treffen stattfinden soll, die Endstation für die fetten Fetties dieser Welt, wo pausenlos übers Abnehmen gebetet wird und die Leute seltsame Dinge tun, die sie auf wundersame Weise dünn werden lassen. Ich fühle mich irgendwie schlecht informiert.Und irgendwie fehl am Platze, vor allem als ich an zwei dicken Damen im Eingangsbereich vorbei laufe, die sich um solche Themen wie Kleidergrößen mit Sicherheit keine Sorgen mehr machen.

Ich stelle mich brav in die kleine Schlange. In dem semischick mit Aufstellern dekorierten Seminarraum finde ich etwa 30 Stühle, viele HInweise auf essen, ein Buffet mit eingeschweisten Schokoriegeln, Chips und Fertigtütensuppen. Außerdem steht vor mir eine schick gekleidete, mäßig dünne Tante mit Fönfrisur und leicht gezwungenem Lächeln. Die ausschließlich weiblichen Teilnehmer hopsen eine nach der anderen aufs Schafott. Das Schafott ist eine High Tech Waage aus den 70ern mit einem Kabel zur Anzeige, die hinter einem Metallsichtschutz auf dem Tisch steht. Top Secret, die Kilomarke!

Komisch. Trashfood und relativ schlanke Menschen… so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Eher wie die Versammlung der Wale zur Paarungszeit vor der Küste Rios, die pausenlos mit Tomaten und Gurken beworfen werden und ihre Schokoladensünden gestehen müssen.
Ich warte, bis die genervte Brillentante hinter dem Schirmchen mich anguckt uns sage dann: „Äh. Ich will mich anmelden.“ Sie mustert mich und sagt dann gedehnt freundlich: „Ja, dann nehmen Sie doch bitte Platz und nach dem Treffen kommen Sie nach vorne und ich erkläre Ihnen alles.“ Sie drückt mir ein kleines Prospekt in die Hand. Drin steht sowas wie „Omas Erbsensuppe“ und „Leichtere Alternative“. Die rechte Hälfte ist noch leer und ich frage mich, ob das jetzt ein lustiger Lückentext wird, den wir raten dürfen. Und ob ich das hier ernst nehmen darf.

Ich starre auf eine Pappdrehscheibe mit Hochglanz Fotos von Essen vor mir. Mein Magen knurrt.

Nach einer halben Stunde ist auch der Rest der lustigen Gesellschaft eingetroffen. Von einer jungen Mutter bis zu Oma Berta sitzt hier alles, durch alle Schichten. Eigentlich interessant, nur dass ich nach kürzester Zeit maximal gelangweilt bin. Nächstes Mal nehme ich mir was zu lesen mit.. oder was zu stricken. Wie die Oma hinter mir.

Die Brillentante fängt an zu reden. Ich stelle fest, dass sie eine unnachahmliche Art hat, unvorbereitet zu sein. Fast jeder Satz wird abgelesen aus dem kleinen Karteikartenblock, den sie als Leiterin des Treffens anscheinend von den WWs bekommen hat. Außerdem hat sie eine Lache wie ein Pferd. Nicht unsympathisch. Aber ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die Pferdelache und ihren Dialekt ertragen kann. „Für Leute, die wo keine Linsen mögen…“

Das beste sind allerdings die Themen: Es wird über Bratäpfel diskutiert, die mit Dominosteinen gefüllt und in der Mikrowelle gemacht werden statt mit Marzipan und im Ofen, Löffel Nutella, die man in den Kühlschrank legt zum härten und dann lutscht – statt Schokolade, über Dosenlinsen statt trockener, weil die weniger Punkte haben und über Fertigsuppen, deren Nachteil laut der versammelten Pfosten hier nur in ihren vielen Kalorien liegen.

Mein Magen dreht sich überraschend erst vollends um, als Halbfettmargarine und Süßstoff als ernsthafte Alternativen zu Butter und Zucker diskutiert werden und andere Low-Quality Low-Calorie Verbrechen der Nahrungsmittelindustrie. Gleich erzählen sie mir noch, dass ich den fettreduzierten Käse essen soll. Igitt. Wenn ich auf einer Käserinde kauen will, frage ich meine Mitbewohner nach ihren Resten.. die muss ich nicht für Geld im Supermarkt erwerben.
Ich habe einen JD-Moment (der aus Scrubs mit den Tagträumen), in dem ich dramatisch mit den Armen fuchtelnd aufstehe und laut herausbrülle: ESST GESUND, IHR PFEIFEN! Niemand braucht sechs Scheiben Low-Fat Käse! *facepalm*

Trotz aller Grausamkeiten erreiche ich das Ende der Veranstaltung ohne geistige Umnachtung. In Anbetracht des Süßigkeitenregals werde ich neugierig. Mesmerisiert von der leckeren Schokoladenbildchen vorne drauf nehme ich einen in die Hand und gucke auf die Zutaten. Nicht die Kalorien. Die stehn ja drauf. Klar, überall Süßstoff drin. Bäh. Die anderen Tanten finden es anscheinend furchtbar lecker. Ich warte geduldig auf die Pferdefrau, meine Beichtmutter.

Zuerst fragt sie mich, warum ich abnehmen will und erklärt mir dann in kleinen Schritten das System. Naja, hört sich sinnig und nicht zu anspruchsvoll einzuhalten an. Außerdem kann ich dann weg von meiner Radikalumstellung und muss nicht mehr Sellerie kauen und traurig gucken. Und wenn es nicht klappt, kann ich wenigstens die Pferdefrau dafür verantwortlich machen. Nachdem sie ihren Vortrag beendet hat, melde ich mich  an. Ich denke an Fotos von vor einem Jahr, meinen gesunden Menschenverstand und seine Zigarettenquote.

Dafür halte ich auch die Pferdelache aus und die Frage: „WEER isst denn die Kaki? DIE KAKIII?“

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