kuekensalat

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Ich parsnippe jetzt!

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Vor Längerem gab es einen von mir illustrierten Artikel in einer kostenlosen Zeitung, der von einer jungen, in Deutschland lebenden Frau äthiopischer Herkunft verfasst worden war, welche voll Irritation ob der deutschen Balzrituale schlussendlich Onlinedating für eine recht sichere Alternative hielt. Sie wurde eines Besseren belehrt (wie so viele), als der mit ihr skypende Herr mittelalterliche Waffen im Hintergrund an der Wand hingen hatte. Das erschien ihr kurios und weniger liebenswürdig und ich illustrierte die skurrile Situation mit den Bildrand überragenden Klingen und dem Schriftzug „Parsnip (engl: Pastinake).

Ich habe mich sehr lange gegen Parsnip gewehrt.

„Oh aber warum, Küken, wo man dort doch alle 11 Minuten die Liebe seines Lebens findet?“

Meine Gründe: Teures Bezahlsystem, nur humorlose Verzweifelte, es ist und bleibt Onlinedating, womit ich einfach nur lustige bis bizarre Erfahrungen hatte und die Überzeugung, dass Parsnip nur die letzte Hoffnung sein kann (O-Ton: Und wenn ich bis 35 niemanden kennengelernt habe, melde ich mich bei Parsnip an.)

Warum habe ich es doch versucht? Die dritte in meinem Freundeskreis fand dort jemanden und ich bin Vierundfuckingdreißig geworden – ich habe keine Zeit mehr für überflüssige, schwachmatige Tinderdates, weil mein Alltag ein ziemlich volles Konstrukt ist. Die sonst so kennengelernten Menschen haben sich bisher höchstens als potentielle Betthäschen herausgestellt und da Parsnip diese überragende Schlagzahl im Freundeskreis hatte, dachte ich mir: Was soll der Geiz? 34, 35, man kann’s ja mal probieren.

Meine Erfahrungen nach einem halben Jahr angemeldet sein und zwei Monaten wirklich ausprobieren: Parsnip hat mich in eine Sinnkrise gestürzt. Einerseits gibt es mir was ich suche, nämlich informierte, bindungswillige Menschen in meinem Alter, andererseits nimmt es ziemlich vielen Interaktionen die Leichtigkeit.

Parsnip wirkt todernst. Alleine die Tatsache, dass man dort reichlich Geld zahlen muss, um ein wirklich funktionierendes Profil und Austausch zu haben und den Bodensatz des Onlinedatings aussortiert zu bekommen, ist schon ein Testament dafür, wie Menschen dort einen Partner suchen: Effizient. Ein Dilemma! Denn auch, wenn das die schwachmatigen Tinderdates umgeht, ist alles schon so schnell so verdammt ernst. Gefühlt jeder Kommentar wird nach langfristig möglichen Unstimmigkeiten durchforstet und effizient kommentiert, sich verhältnismäßig schnell verabschiedet.

Das wirkt bisweilen ähnlich einem Vorstellungsgespräch und ich kann mir wenig Unromatischeres vorstellen. Außerdem traue ich mich kaum, meinen speziellen Humor raushängen zu lassen, denn das Parsnip-Volk ist so erwachsen, auf beeindrucken gepolt und gesetzt. Alles Adjektive, die zu mir nicht sonderlich gut passen. Ich trage kein beige, mag Tattoos, Kunst und Albernheiten, lerne ständig irgendwas Neues, gebe Bildungslücken zu, feiere ausschweifend und ich drücke mich vor meiner Steuererklärung, bis sie nötig wird. Ich würde Umzüge in andere spannende Städte nie ausschließen, genauso wie eine große Backpacker-Reise im Jahr zu meinen Glücksprinzipien gehört. Und so habe ich noch die Hoffnung, dass es andere seelenvolle Drifter gibt, die das Otter-Prinzip mit mir leben, oder einen Menschen, der gerne meine Basis sein würde. Ob ich dem jedoch auf Parsnip begegne – ich bezweifle es mittlerweile.

Trotzdem hat das Bezahlprinzip wirklich einen groben Vorteil: Die absoluten Dumpfbacken werden aussortiert und die Menge an Dick-Pics geht auch dramatisch zurück. Das heißt nicht, dass man nicht ab und an noch eine Nachricht bekommt ohne Satzzeichen oder ein schwachmatiges „Wo wohnt dein Sofa, Schnecke?“ aber im Großen und Ganzen ist eine gewisse schriftliche Ausdrucksfähigkeit vorhanden. Nichtsdestotrotz nutzt die auch wenig, wenn die Gespräche selbst dann halt vor allem digital verlaufen und das reale Kennenlernen aus- oder hinter den Nachrichten zurückbleibt, was bisher leider immer der Fall war. Entweder waren die getroffenen Typen bizarr („Wenn du nicht die Pille nimmst, küsse ich dich nicht.“), latent langweilig (Ja, mein Job, mein Haus, mein Auto. Wie, meine Hobbies?), oder sie fanden mich unpassend. „Ich suche schon etwas Ernstes.“ Ja, ich auch, aber deswegen muss ich doch nicht nur ernst gucken und frustriert sein? Oder meintest du jemand Ernsten?

Nichtsdestotrotz habe ich so folgende Erkenntnis errungen: Ich wirke im ersten Moment anscheinend viel ernster und unverbindlicher, als ich es letztlich bin und wo Schubladen nicht gut passen, wird sich dann verwirrt zurückgezogen. Daran etwas zu ändern, sehe ich allerdings als wenig zielführend. Ich empfinde es als Privileg, emotional und visuell anfällig zu sein. Mein inneres Kind ist nur ein Grund, weshalb ich in meinem Job gut bin.

Fazit: Parsnip hilft mir bisher persönlich nicht nennenswert bei der Entdeckung von Mr. Otter. Es macht auf jeden Fall weniger Spaß als die Hobbies, Feiern und Festivals, bei denen ich sonst so Menschen kennenlerne, kostet genauso viel und nimmt ebenso viel Zeit ein.

Und so sind wir wieder dabei, dass ich lieber freiwillig Single bleibe, bevor ich aufhöre, mich über Baby-Niffler zu freuen, damit mich jemand heiratet.

 

PS: Wenn hier jemand einen netten Otter kennt.. meine rechte Hand ist noch frei. 😉

 

 

 

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Autor: kuekensalat

My favourite word: unapologetic. • Lehrkörperin • Fitnessgurke statt -Guru • Nobody knows what they're doing, I'm just being honest about it.

4 Kommentare zu “Ich parsnippe jetzt!

  1. Mein Mann und ich haben uns vor knapp 9 Jahren via Parship kennen gelernt und es war von Anfang an ziemlich lustig zwischen uns. Ich war davor 11 Jahre lang überwiegend unfreiwillig Single und bin echt froh, dass wir uns beide dort angemeldet haben. In freier Wildbahn wären wir uns nie begegnet. Nur Mut! 😊❤️

  2. Ja, Onlinedating mag Vorteile haben, aber eben auch Nachteile… ich bin auf keinen Datingseiten (war es mal ne Weile, mehrfach), aber entweder gab es nur die, doe auf Sex aus waren oder die, die auf der Stelle ne Beziehung wollten (kennen lernen? Später, bloß kein Single mehr sein). Ist Single mittlerweile zu einem Schimpfwort mutiert? Ich hab überall meinen Familienstand auf ledig umgestellt. Was für die meisten aber das gleiche ist wie Single. Furchtbar.

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