kuekensalat

Dieser Blog ist total wichtig.


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Anderthalb Jahre

 

  1. Zustand, in dem jemand von bestimmten persönlichen oder gesellschaftlichen, als Zwang oder Last empfundenen Bindungen oder Verpflichtungen frei ist und sich in seinen Entscheidungen o. Ä. nicht [mehr] eingeschränkt fühlt; Unabhängigkeit, Ungebundenheit
  2. Möglichkeit, sich frei und ungehindert zu bewegen; das Nichtgefangensein
  3. Recht, etwas zu tun; bestimmtes [Vor]recht, das jemandem zusteht oder das er bzw. sie sich nimmt

 

Als es anfängt, bin ich frei.

Keiner da, der mich zurückhält, eigene Wohnung, eigenes Geld, eigene Entscheidungen, noch nicht lange bin ich frei, aber frei bin ich trotzdem und du – du passt gut dazu. Meistens bist du nicht da und wenn, dann unterstützt du mich und ich kann tun, was gerade wichtig ist, meinen Master schreiben zum Beispiel.

Du, mit deiner Band, mit deinen Auftritten, deinem Bart und deiner Ziellosigkeit. Du bist belesen, wirkst viel älter als du bist und hast zu allem eine Meinung und irgendwas zu sagen. Am Anfang imponiert mir das, von weitem sieht es aus wie Bildung.

Dein T3 gefällt mir und dein Angehimmele gefällt mir und deine Musik, ja die Musik die ihr macht gefällt mir auch. Die Szene und die Gedankenspielchen, die damit einhergehen, die kreativen Ausbrüche, die Ideen, die bunten Wochenenden. Freiheit in irgendwie Gebundenheit, aber nur irgendwie. Denn irgendwie bleibt mein Herz immer frei, irgendwie nehme ich das alles nicht wirklich ernst und irgendwie habe ich ein schlechtes Gewissen –

Bis herauskommt, dass deine angepriesene Familiengeschichte zu 80% unwahr ist und du sie nur erzählst, um Eindruck zu schinden. Bis herauskommt, dass du gelogen hast, als du sagtest, du machst deine zweite Ausbildung zu Ende. Bis du das zweite Mal bei mir für Wochen einziehst ohne einen Cent Geld und ich uns mit meinem Studentenbudget durchfüttere. Ich seufze, ich diskutiere, ich berate und ich kommuniziere. Du weinst. Ich seufze wieder. „Es ist dein Leben, aber wenn das alles ist, was du vom Leben willst, dann wird das nichts mit uns“, sage ich, nach einem Jahr. Ich habe gut reden, denn ich bin immer noch frei.

Bis ich meinen Job anfange – und auf einmal ändert sich alles, denn meine Schüler sind reifer als du, sind gebildeter und konsequenter und fleißiger als du, sind zielstrebiger und erwachsener als du – obwohl sie erst 17 sind und alles was ich sehe, wenn ich dich treffe ist deine Verlorenheit und der Versuch, sie zu verstecken. Alles was ich empfinde ist Unwille, die Verantwortung für dich zu übernehmen, die du mir aufdrücken willst, ich ersticke unter deinen Liebesbekundungen aus Verzweiflung und bin entsetzt über deinen Mangel an Selbstständigkeit. In meiner Welt wirst du zu einem kleinen Jungen und ich fühle mich schäbig und alt.

Also tue ich das einzig richtige: Ich verteile Freiheit. Freiheit, die du nicht willst, die dich überfordert, denn hätte ich dich bemuttert, wäre dir das lieb gewesen. Freiheit, die ich nie verloren habe und die du erst wieder mühsam lernen musst.

Sie hilft dir dabei, lässt dich bei sich wohnen und nachdem du erstmal eingezogen bist, ziehst du auch nie wieder aus.

 

 

 

 

 

 

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The Train Song

Intro: Ich im Zug.

Man lächelt, zu scheu, den anderen anzusprechen. Könnte ja awkward werden, wenn man jeden Tag zusammen zur Arbeit fährt und nen Korb kassiert hat.

Dann, irgendwann der absichtlich später genommene Zug, die erste Kontaktaufnahme, Nummern austauschen, Date abmachen. Alles kribbelt, ich sehe aus wie ein Lobster.

Erste Strophe: Prima. Etwas seltsam, dass der junge Mann bereits auf die Idee kommt, es sei ja ungewöhnlich, dass so eine große Frau sich für einen Mann seiner Statur (etwa 10cm kleiner) interessiere. Ich zucke die Schultern. Wayne.

Zweite Strophe: Mir wird das Statusfahrzeug vorgeführt. Der Spaziergang am Meer featured heißen Tee und seltsame Geschichten über erste Lieben. Es bleibt irgendwie spannend.

Chorus: Mir wird immer mehr klar, dass der Mann meine Aussage „Ich habe wenig Zeit.“ nicht ernst nimmt. Blöd für ihn, meine Mädels haben gerade Abitur geschrieben, das muss halt eben korrigiert werden und dauert seine Zeit und nein, da ist eben dann kein spontaner Tagesausflug drin. Sorry. Ja, finde ich auch uncool. Und jetzt hör auf, mir indirekt Vorwürfe zu machen – wir kennen uns seit zwei Wochen!

Dritte Strophe: Wir treffen uns wieder und es ist wirklich nett, ich erfahre Dinge, die mich interessieren, scheine gleichzeitig ein exotisches Wesen Frau zu sein, das nicht eifersüchtig, tyrannisch, hysterisch ist. Was ist da los? Will ich das ausbaden?

Vierte Strophe: Ich auf dem Wege zu einer Hochzeit und tadaa, es gibt halbnackte Fotos vom Strand mit der Ansage: Wär so schön, wenn du da wärst. Ja, okay. Hilft halt nix. Auf Hochzeiten ist das Handy abgemeldet, doch anscheinend hat Herr das nicht mitgekriegt, denn obwohl man nicht mal liiert ist, erfahre ich zornige Nachrichten in der Nacht. „Dein Ernst?“ Ja. feiern ist mir ernst.

Refrain: Und dann kommt das Mimimi, denn ich schreibe nicht Guten Morgen oder Gute Nacht, ich schreibe ohnehin recht wenig, denn was soll ich sagen, ich stehe nicht auf Stress. Und ich auf einer Ausstellungseröffung und er: „Ich hasse mein Leben, Beziehungen kann ich nicht.“ und meine Eierstöcke: „Wuuuuuaaaaaaahhahhh…“ Und ich so zu meiner Besten: „Wuuaaaaaaaahhh..“ – endlich sind meine Eierstöcke und ich uns einig.

Fünfte Strophe: „Wir müssen reden.“ – „Unsere Kommunikation gefällt mir nicht.“ „Nein, nicht darüber…“ Und dann: Tränen, Gefühlsausbrüche, Opferrolle „Aber alle anderen wollen sich nur schminken und sind Tussis und ich will nicht mehr allein sein.“ Und ich so: „Das ist das Problem. Du willst nicht mich, du willst irgendeine Beziehung und ich will nicht irgendeine Beziehung. Ich will einen Partner in Crime.“

Sechste Strophe: „Ich habe ein Lied für dich aufgenommen. Bitte lies nur diese eine Nachricht, hör diese eine Aufnahme noch.“ „I’m sorry, but no.“ „Aber wir haben uns doch so gut verstanden.“ Ja, das reicht aber nicht. Ich kann dich nicht glücklich machen, glücklich musst du schon alleine sein.

Outro: Ich, im Zug. Es ist awkward.


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Gut gemeint

Junggesellinnenabschiede sind immer ein bisschen wie die Hochzeit selbst in klein: Viele Menschen sehr unterschiedlicher Verbindung, Lebensphase und Grundeinstellung finden sich zusammen, um einer Person (oder einem Paar) eine Freude zu bereiten. Das muss nicht immer zwangsläufig für alle Personen eine Freude sein.

Wir, im Auto, auf der Fahrt nach Grevenbroich(1). Wir, das sind Elena (39), Rita (41), Rosa (25) und Francis, auch genannt Kueken (32), die ihren geliebten Kleinwagen chauffiert. Ich habe in der Gruppe den besonderen Status als S I N G L E. Das ist so ansteckend und gruselig, dass man am besten gar nicht darüber spricht, sich aber auf jeden Fall darüber erhebt, indem man bei jeder Gelegenheit betont, wie sehr man über Beziehungen Bescheid weiß oder mitleidig fragt: „Immer noch nichts?“(2). Andererseits sind die Damen ja auch neugierig und wollen immer die neuesten Drama Geschichten von mir und meinen Freunden hören. Ich also die Story von Mia und der Wohnung erzählt und hinterher auch gleich bereut.

„WAAAAS?“ platzt es aus Elena: „Also eeeeecht, ich wäre sofort rückwärts wieder rausgegangen und hätte ihm gesagt, dass er ja wohl eine Meise hat, sich einzubilden, dass sie bei ihm übernachtet, wenn sein Wohnloch so aussieht.“

„Hm.“ ist mein Kommentar.

„Naja,“ wirft Rita ein: „Wenn du denjenigen echt magst und er dich vorher besucht hat und so? Dann gehst du doch nicht sofort wieder und machst ihn fertig.“

Ich nicke empathisch.

„Naja, wenn sie es ihm gesagt hat, dann könnte er ja was dagegen tun, wenn sie ihn so gerne mag.“ wirft Elena nachdrücklich ein.

„Wie meinst du das?“ frage ich.

„Naja, er könnte sich ja einen Innenarchitekten nehmen und eine neue Wohnung anmieten und -“  Mein Gehirn macht kurzfristig einen Ausflug ins LalaLand. Als ich wieder zuschalte, schaut Elena mich erwartungsvoll an.

„Hm.“ sage ich wieder.

„Und bei dir?“ fragt sie dann und ich denke Alte, wenn du wieder mit deinem Lieblingsspruch kommst, halte ich an und – „Immer noch nichts?“

Ich widerstehe heldenhaft meinem ersten zuckenden Impuls, meinen Fuß volle Breitseite ins Bodenblech unter dem Bremspedal einzuprägen und Elena mit Anlauf aus der Beifahrertür zu treten.

Stattdessen atme ich tief ein und zähle von fünf auf minus fünfzehn rückwärts. Dann sage ich: „Nein.“

Rosa, mit der ich beim Losfahren kurz über Männer gescherzt und ihr meine Traumgestalt Evan, den 1,90m großen kanadischen Chris Hemsworth Lookalike vorgestellt hatte, piepst vom Rücksitz: „Franci muss erstmal Evan begegnen.“ Und grinst in schweigendem Verständnis für meine unliebsame Situation. Ich grinse auch, weil ich es lustig finde. Ich bin ja kein Idiot.

„Wer ist denn Evan?“ fragt Elena und ich muss es ihr erklären.

„Na, du bist aber anspruchsvoll.“ sagt sie hinterher. Ich denke an ihren Mann Paul; etwa einen halben Kopf kleiner als sie und Mister Bean nicht ganz unähnlich und habe wieder große Lust, ins Lenkrad zu beißen. Sie holt tief Luft: „Also wenn du dich schon so einschränkst, dann findest du ja überhaupt keinen, also größer als DU mit über einsachtzig, das ist ja..“

Ich gucke stur geradeaus mit einer Spock-Augenbraue und sage: „Ist ja nicht so, dass Rosa und Rita Männer hätten, die unter einsneunzig sind.“

„Jaaaaah, aber die sind ja schon vergeben.“  Ich rolle die Augen. Ja, als ob ich die gerne geschenkt hätte. Der eine ein unverbesserlicher Chauvi, der seiner Freundin alleine Party machen verbietet, der andere ein Klugscheißer, der mir erzählt, wie ich Joggen muss. Ich erinnere noch mal an meine Teilnahme am HAJ 10K die letzten beiden Jahre.

„Und du musst dich von deinem Beuteschema lösen.“ fährt Elena unbeirrt und sehr laut fort, „Wenn du dich darauf zu sehr versteifst, dann findest du keinen, hier passt doch keiner ins Beuteschema, hier hat doch keiner sein Beuteschema.. Rita, hast du dein Beuteschema geheiratet?!“

Rita vom Rücksitz: „Neeein. Gar nicht. Und es gibt viele Männer, die gerne größere Frauen haben!“

Und ich, ich halte diese unsägliche Schwachsinnsschwafelei nicht mehr aus und platze: „Euer Ernst? Haltet ihr mich für minderbemittelt, dass ich mit meiner Evan Schablone durch die Clubs renne und keinen nehme, der nicht so heißt? Und das ist ja gut möglich, dass viele kleine Männer das wollen. ICH will keinen kleinen Mann!“ Alle starren. In einer außerkörperlichen Erfahrung nehme ich wahr, wie mein Mund einfach weiterredet:  „Was ist denn so schwer daran zu verstehen, dass ich auch gerne einen großartigen, großen Mann hätte. Ich bin groß, meine Exfreunde waren alle kleiner, das hat mich immer genervt und ich möchte einfach gerne meiner biologischen Bestimmung folgen und einen großen, starken, lieben, gesunden, intelligenten Mann an meiner Seite, ist das so schwer nachzuvollziehen? Ich will halt wen Passendes! Zu hohe Ansprüche? Was ist das für ein Bullshit? Wenn es mir jetzt großartig geht und ich sehr entspannt alles mache was ich will, wieso sollte ich dann für irgendeinen Fraggle, der mich nicht begeistert meinen sehr befriedigenden Status Quo aufgeben? Ich will doch auch geliebt werden und nicht mangels Alternativen geduldet! Wer macht sowas?“

Ich schaue flüchtig in den Rückspiegel. Schweigen füllt das Automobil.

Und ich denke: Oh. OH. Ah. Haha. Ja. FETTNAAAAAAPF. Das ist ja die Runde derer, die Mr. Bean geheiratet haben oder jedes Festival heulend verbringen, weil Mr. Ichdarfalles wieder irgendeine Tussi angesabbert und sich so besoffen hat, dass er ausfallend wurde und bei jedem Gespräch darauf beharren, dass ja alles ok ist. Und ich denke so bei mir, vielleicht war das auch nicht wirklich der Angriff auf dich und deine Ansprüche, sondern doch eher die Verteidigung des eigenen Status Quo. Das Bewusstsein, seine eigenen Prinzipien über Bord geworfen zu haben, weil da halt gerade jemand war oder es keine besseren Alternativen gab oder man nicht allein sein konnte.

Vielleicht bin ich auch beziehungsunfähig, aber vielleicht ist auch irgendwo da draußen Evan und versteht diesen Blog nicht, weil er Kanadier ist.

 

 

 

 


(1) Hamburg, Köln, Berlin, Budapest. Falls Evan the beautiful jemals auftauchen sollte auf meiner Schwelle und mich darüber tragen wollen sollte, dann bitte bitte bitte, wer auch immer mein Trauzeuge wird (evlt @lophornia? ;)) fahrt nicht mit mir an meinen Studienort um dort einen Tag lang zu picknicken. Ich will rivers of champagne oder at least Kultur.

(2) Liebe besorgte Freunde, gewöhnt euch diesen Spruch ab. Wenn es was gibt, werdet ihr es erfahren. Und wenn ihr fragt, dann gebt euren Freunden nicht unterschwellig das Gefühl, sie wären bemitleidenswerte Geschöpfe, die in Gottes Schöpfung als einzige keinen passenden Gegenpart finden können. Denn wir könnten, aber wir wollen nicht irgendwen.


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Die Wohnung

Die Wohnung

Little John und the Red Light

Nichtsahnend sitze ich Mittwochsmorgens beim Frühstück, als mich das militante Piepen meines neuen Nachrichtentones meinen Skyrmatsch fast katapultartig an die Küchentischlampe klatschen lässt. Mit zitternden Fingern probiere ich anschließend mindestens fünf Mal die Fingerabdruck-Entriegelung meines Phones, aber Skyr verändert halt den Fingerabdruck, so dass ich schließlich entnervt mit dem Ärmel interveniere. Endlich meines Telefones Herr – oder Frau, wie man das gerne so hätte – erreicht mich der erstickt geschriebene Schrei von Mia.

„No. Nonononono. No. Er ist es nicht.“

Ich schreibe zurück: „Haha, war die an mich? Von wem redest du?“

Sie tippt, dann erscheinen die Worte: „John. Ich rede von John. Du weißt schon, little John?“ auf dem Bildschirm. Mein linkes Augenlid beginnt bereits zu zucken. (1)

„Und von wannen ward euch solche Weisheit?“ frage ich nun, nur halb scherzhaft.(2)

„Ich war ja bei John zu Hause…“ schreibt sie und während ich noch zurück tippe, ruft sie an. „Und es war grau-en-haft!“ betont sie ausgedeht und ich höre noch den latent bestehenden Schockzustand. In mir spielen sich fantastische alternative Realitäten ab.

„Wie? Was? Unsauber? Hässliche Gardinen?“ frage ich.

„NEIN, schlimmer!“ keucht sie und ich glaube, ein unterdrücktes Würgen wahrzunehmen.

„Keine Leichen?!“ murmele ich.

„Nein, jetzt sei nicht krass.“, sagt sie.

„Ich bin nicht krass.“ sage ich.

„Doch, eigentlich immer.“ sagt sie und ich verliere die Geduld: „Jetzt red‘ schon! Warum hat little John keine Dreimonatsfrist verdient?“

Mia setzt mit einem tiefen Luftholen zu einem längeren Exkurs an: „Also, als ich reinkam, da war ich schon irritiert. Du kennst doch so Dates, da ist erst alles toll, aber dann passiert so irgendwas und auf einmal fallen deine Eierstöcke in Schockstarre und es ist irreparabel vorbei?“

„Du meinst so wie mit Daniel, dem Nashornmann? Oder dem Typen, der dir ins Waschbecken gekotzt hat?“ Sie grunzt zustimmend: „Nja.“

„Mmmh.“ Ich denke an Monas Dr. Eisenpimmes.

„Ja, so war’s mit John’s Wohnung.“ Und dann erläutert sie das Ausmaß der Misere. Nicht nur John war eher klein, auch seine Wohnung konnte das Label „Zweizimmerwohnung“ nur mit Liebe aufrecht erhalten. Das an sich ist ja kein Problem, Platzbedarf ist ja subjektiv. Mia wohnt allerdings auf großem Fuß. Wo bereits an der Tür das Two and a Half Men Poster prangte (was bei Mia eigentlich mehr Ein- als Ausdruck gemacht hat, immerhin war das eines ihrer gemeinsamen Themen) waren zwei Drittel der Butze nur spartanisch eingerichtet  und grundsätzlich auf so etwas wie ein ansatzweise stimmiges Gesamtkonzept zugunsten der neuverteilten Jugendzimmermöblierung verzichtet worden.

„Naja, Geschmack..“ setze ich an.

„Jaja,“ unterbricht sie mich: „Das war alles noch ok. Klar, die Wand hatte große Flecken wo das alte Sofa gestanden hatte und der Teppich wellte sich, aber das wäre ja nicht sooo schlimm gewesen. Im Studium habe ich auch mal Ein Jahr so ähnlich gewohnt.“ Ich verzichte darauf, ihr zu sagen, dass der Mann definitiv das dreifache verdient von ihrem Bafögsatz und über 40 ist. Sie klingt so schon niedergeschlagen genug. John hatte sie echt begeistert. Ich fühle mit ihr.

Mia ist schon eher ein schöngeistiger Typ, der auf Blumen und sowas steht. Dass John nicht eine einzige lebende Pflanze besaß und mit den Worten „Die sterben bei mir eh nur“ auch seine Pflegeeigenschaften im Minusbereich ansiedelte, war da ein tragischer Seitenhieb. Richtig schlimm wurde es aber erst, als sich die Küche als eine minimal eingerichtete Kochnische herausstellte, die aussah, als habe jemand es noch nicht geschafft, den explodierten Topf Bolognese wieder einzusammeln oder einen Besteckkasten zu kaufen. Ich seufze mit einem Blick auf mein Skyr. Vielleicht hat sie ihn auch nur erschreckt?

„Aber das es war ja leider noch nicht! Das BAD!“ Mias Stimme überschlägt sich fast. „Da war Rolllaminat drin, das sich an dem 50er Jahre Fliesenspiegel hochgerollt hat. Und da drunter – oh du ahnst es nicht. Auf dem Boden eine dicke Schicht aus Staub und Barthaaren –  Ich habe immer gewartet, dass irgendwas „Mama?“ zu mir sagt.“

„Infam.“ sage ich mit Nachdruck und bin wirklich etwas angewidert.

„Ach hör auf!“ motzt sie.

„War das alles?“ frage ich.

„Nein!“ schluchzt sie am anderen Ende weinerlich. „DAS SCHLAFZIMMER!“

Ich bin versucht, meinen Kopf auf die Tischplatte zu schlagen. „Oh bitte.“ stöhne ich. „Das SCHLAFZIMMER,“ beginnt sie bedeutungsschwanger „sah aus, wie eine Abstellkammer. Rechts neben dem Bett ein zerlegter Tisch und ausgelesene Zeitungen, oben auf dem Schrank Kartons über Kartons von seinen Hobbies und, anstatt eines Beistelltischchens das Angelmagazin der letzten 15 Jahre auf einem Stapel und mir gegenüber ein monströser Röhrenfernseher und ein riesiger TEDDYBÄR.“

„Oh Gott.“ – spätestens jetzt bin auch ich entsetzt. Kuscheltiere. Nichts tötet jegliche Libido so gründlich, wie flauschige Knopfaugen am Bett – sofern man erwachsen und halbwegs konventionell-sexuell gepolt ist.

„Und du hast trotzdem bei ihm übernachtet?“ bringe ich raus.

„Ja.. ich wusste nicht, ob ich nicht überreagiere.“ gibt sie kleinlaut zu Protokoll.

„Mmmh.. naja. Hast du ihm schon mitgeteilt, dass sein nicht vorhandener Nesttrieb dich so gründlich abgeschreckt hat?“

Sie verneint, gelobt Besserung und nach kurzem Themawechsel sitze ich wieder allein mit meinem Skyr am Tisch. Ich betrachte den riesigen Skyrfleck auf der Tischplatte und frage mich zum wiederholten Male, was bei Menschen schief läuft, die keinen eigenen Nesttrieb entwickeln, egal wie lange sie allein sind und wie sie wohnen. Angeblich sollen Männer da ja grundsätzlich weniger empfindlich sein, aber ich kenne reichlich Gegenbeispiele, wo die Kerle definitiv ordentlicher und geputzter sind als die Mädels und beide Geschlechter völlig gleichberechtigt zu Klimbim und durchgestyltem Wohnen neigen.

Ich nippe an meinem lauwarmen Kaffee. Vielleicht ist es doch eine Frage der Persönlichkeit.

In diesem Moment klingelt das Telefon noch einmal.

„Ja?“

„Und weißt du was das schlimmste war?“ Ich zucke die Schultern, irritiert, und versuche, mich nicht an meinem Kaffee zu verschlucken.

„Er hatte zwar Flecken an den Wänden, Risse im Teppich und eine völlig verpekte Küche, aber seine Beleuchtung konnte er über seine Apple Watch und Smart Home steuern. Und rate, welche Glühbirnenfarbe er im Schlafzimmer in seine Tiffanylampe eingesetzt hatte.“

„Nicht im Ernst.“ Mir schwant Böses.

„ROSA.“

„Boah Mia.“

„Ja, oder?“

Das Telefonat endet mit einer stillen Schweigeminute für John; John, der eine Frau finden muss, die so unfassbar begeistert von seiner stimmgesteuerten rosa Schlafzimmerbeleuchtung ist, dass sie sogar die mit ihr kommunizierende Baddreckschicht adoptieren möchte.


(1) [Als wichtige HIntergrundinfo sollte man vielleicht erwähnen, dass Mia, ihres Zeichens wirklich smart und wenn auch eher unkonventionell so dennoch recht hübsch, ein fast so mieses Talent zur Männerfindung hat, wie ich. Wir beide schaffen es immer,  die besonderen Pflänzchen in einem Raum von  Normalos zu orten. Man sollte uns beim Geheimdienst beschäftigen. „Sagen Sie schon, wer kann’s nicht gewesen sein?!“ Dieses Mal hatte sie sich John angenommen. John, von mir liebevoll „Little John“ getauft, da der gute Mann der nur leicht überdurchschnittlich großen Mia bis etwa zur Nasenspitze reichte. Er war lieb, keine Frage, intelligent, sehr witzig, zugewandt und auch ein bis dato guter Konversionalist – sofern meiner einer das überhaupt beurteilen konnte – gewesen. Aber halt für mich als Riesin schon eher niedlich und irgendwie latent ein bisschen seltsam. Fand ich. Mia fand ihn total zucker und hatte ihn nach dem zweiten Treffen mit nach Hause genommen. Das zweite Treffen bei ihr hatte trotz großer Begeisterung bereits leichte Zweifel ob ihrer Kompatibilität aufgeworfen, aber auch das wurde erstmal zugunsten näherem Kennenlernen ignoriert. Irgendwie schwammen die beiden auch von außen betrachtet zunächst sehr auf einer Welle.]

(2) [Genau wie ich tendiert nämlich auch Mia dazu, an einen „Partner in Crime“, einen „Typen zum Pferde und andere Tiere stehlen“ und den „Typen aus meiner Vision letztens“ zu glauben. Anders als ich denkt sie aber, er könne auch in little John verborgen liegen. Ich bin mir sicher, dass sie damit größere Erfolgschancen hat als ich latent oberflächliches Wesen. Sie ist auch davon überzeugt, dass sie jedem, den sie auch nur ansatzweise geil findet, eine ausgedehnte Chance geben sollte, also Monatelang. Und so überraschte mich diese Nachricht, nach nur drei Wochen und dem gerade mal dritten Treffen schon ziemlich.]