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Die Sache mit den Proteinen

Nachdem der Seppo in seinem letzten Seppofitlog über seine Ode an den Magerquark mal Proteine zum Thema gemacht hat, habe ich mir die Frage gestellt, ob bei 4-5 Mal Functional Fitness Training und 2-3 Mal Laufen die Woche vielleicht auch eine etwas höhere Proteinzufuhr nützlich sein könnte.

In Anbetracht der  Tatsache, dass ich noch lebe, sehe ich meinen Körper durchaus als ein Wunderwerk der modernen Stoffwechseltechnik und habe mir tatsächlich, obwohl ich es sonst nie getan hätte, Proteinpulver gekauft. Warum? Weil ich auch noch was anderes als Harzer, Hähnchen und Magerquark essen und trotzdem weder über 1000 Kalorien essen noch Muskelmasse ab- sondern aufbauen will. Also rühre ich mir jetzt allmorgendlich mein liebevoll „Work Protein Breakfast“ an (Englisch klingt so viel fitter), bestehend aus 2 EL Haferflocken, 100g Himbeeren, 340 g Skyr, 3 EL Proteinpulver neutral (man kann sicher auch Vanille nehmen, aber das hat mir zu viel Zucker) und einer Prise Vanille aus der Vanillemühle. Das rettet mich tatsächlich bis mittags über den Tag – Lo and behold!

Nach einem Prä-Workout Snack bestehend aus einer Banane und drei Teelöffeln Erdnussbutter habe ich heute sogar meine letztjährige Durchschnittsbestzeit auf 5 km geknackt. Hell yeah. Womöglich mache ich doch beim Hannover Marathon 10K mit – immerhin sind jetzt 10 Kilo gewichen und bis dahin dürfte ich die magische 8 vorne haben. Bei einer Größe von über 1,80m ist das schon nah an OK.

Diese besondere Ernährungskultur hat allerdings auch Kritiker, die vor allem mit Unverständnis und kaltblütiger Provokation konfrontieren, wie ich heute feststellen musste.

 

Es ist 18.17 Uhr an einem Mittwoch und schellt. An meiner Tür.

Das an sich ist weder verwunderlich noch besorgniserregend. Und da ich gerade mal wieder den Speckninja mache und mit meiner persönlichen Hassübung durch die Wohnung „lunge“ wie ein Idiot, stellt sich die folgenschwere Frage: Öffnen, oder nicht öffnen?

Vor meinem inneren Auge entspinnen sich zwei Szenarien, eine der großen Disziplin, in der ich die Tür nicht öffne, nicht den armen, verirrten Jan kennenlerne ohne Akku, der bei mir nur mal kurz telefonieren wollte, nicht mit ihm durchbrenne und mit einer Finca in Portugal und viereinhalb Kindern lebe – und stattdessen aufgrund meiner mangelnden sozialen Verbindungen einsam und allein in meiner Wohnung verende – zwar in top Shape, aber das sieht man nach drei Wochen Verwesung leider auch nicht mehr.

Szenario zwei reißt mein Gehirn noch kurz an, aber dann bin ich so entsetzt von der Verwesungs-Szene, dass ich lieber doch zur Tür „lunge“ und sie schwungvoll mit der Bewegung öffne.

Draußen steht nicht Jan, sondern meine Nachbarin/Mitbewohnerin und starrt mich ob meiner, zugegeben etwas seltsamen, Haltung an.

„Hallo.“ sage ich.

„Hallo,“ sagt sie, „Hast du noch Brot? Ich hab mich den ganzen Tag auf mein Abendbrot gefreut, jetzt ist mir aber das Haferbrot verschimmelt und da dachte ich -“ Sie bricht ab hinsichtlich meines Gesichtsausdruckes.

„Ich hab‘ kein Brot, sorry.“ sage ich.

„Kein Brot.“ sagt sie.

„Kein Brot.“ bestätige ich.

„Kein Brot mehr?“ fragt sie und zieht das „mehr“ in die Länge, was mir leider nicht hilft, die Frage besser zu verstehen.

„Nein, kein Brot.“ sage ich deswegen noch einmal.

„Überhaupt kein Brot, also nicht gerade leer geworden, sondern gar keins?“ hakt sie nach.

„Nein.“ sage ich.

„Auch keinen Toast?“  Ich fühle mich ein bisschen wie ein Vegetarier im ruralen Russland („Kein Fleisch?“ „Nein.“ „Auch keine Wurst?“ „Nein.“).

„Ja. Ich esse kein Brot. Also. Momentan nicht.“ erkläre ich geduldsam und begebe mich dann doch endlich aus meiner Ausfallschritthaltung, da dies ja augenscheinlich eine längere Brotdiskussion wird.

„Aha. Hat das mit diesem 1000 Kalorien-Fitness-Kram zu tun, den du fährst?“ fragt sie, vermutlich nur etwas gereizt, da meine Fitnesspläne ihre Abendbrotpläne direkt durchkreuzt haben.

„Ja.“ sage ich. Stille herrscht im Treppenhaus. Ich fühle mich fast genötigt zu erklären, aber dann setzt sie nach: „Warum isst du kein Brot?“

„Weil ich nur 1000 Kalorien habe am Tag und Brot mir zu unsympathisch, quasi direkt zu labberig, zu profillos, zu wenig ausdrucksstark ist, um ein Drittel meiner Tageskalorien darin zu investieren, es am Gaumen kleben zu haben.“

Sie kennt mich, deswegen schmunzelt sie nur. „Und was isst du stattdessen?“

„Quark.“ sage ich und beobachte voller Bewunderung, wie erst eine und dann die andere Augenbraue deutlich an Höhe gewinnt.

„Also, als ob Quark jetzt so viel leckerer wäre.“ sagt sie schließlich. „Und ein guter Ersatz ist das auch nicht.“

„Besteht aber zu 30% aus Proteinen und ist deswegen gut für den Muskelaufbau.“ sage ich.

Sie winkt ab. „Jaaah. Aber er passt nicht zu meinem Parmaschinken. Dann noch schönes Training!“

 

Ich schließe die Tür hinter ihrem wehenden Pferdeschwanz und verfluche Brot und Parmaschinken und lunge zurück in mein Schlaf- und Fitnesszimmer. Scheiß Diät.

„Halt durch!“ ruft Charles aus der App.

„Halt die Fresse!“ sage ich und zeige ihm den Finger.

Auch, wenn er Recht hat.

 


 

 

 

 

 

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Ein Kommentar

Die anonymen Allesfresser

Nach langem Zaudern, Weinen und mich selbst im Spiegel vermessen hat es sich ergeben, dass das Fahrrad allein (ich berichtete im Sommer..) nichts gebracht hat. Ich sehe noch genauso aus wie vor einem halben Jahr. Eigentlich keine schlechte Quote. Immerhin habe ich mich in der Zwischenzeit weder in eine Kugel mit Bierbauch noch einen pfannkuchenförmigen, rudimentär humanoiden Blob verwandelt. Trotzdem.

Und vor allem nachdem Monsieur Herzkasper vorschlug, mich zu unterstützen und parallel mit dem Rauchen aufzuhören FALLS ich mein Ziel erreiche – fühle ich mich quasi verpflichtet, ihn dazu zu zwingen. Seinetwegen natürlich. Völlig uneigennützig. Klar habe ich auch keinen Bock, ihn mit 45 zu beerdigen. Lästig, so ne Beerdigung. Und immer diese schwarzen Klamotten. Deh.

Als die selbst verordnete Radikaumstellung mich aber trübsinnig an einem Sellerie kauen und gleichzeitig sabbernd Monas Schokolade angeiern lässt, muss ich doch andere Geschütze auffahren. Hungern ist nur was für Leute mit der Disziplin chinesischer Turnkinder.
Also fahre ich jetzt auf den Hof der Seniorenresidenz „Casa Irgendwas“ in der das berühmt-berüchtigte „WeightWatchers“ Treffen stattfinden soll, die Endstation für die fetten Fetties dieser Welt, wo pausenlos übers Abnehmen gebetet wird und die Leute seltsame Dinge tun, die sie auf wundersame Weise dünn werden lassen. Ich fühle mich irgendwie schlecht informiert.Und irgendwie fehl am Platze, vor allem als ich an zwei dicken Damen im Eingangsbereich vorbei laufe, die sich um solche Themen wie Kleidergrößen mit Sicherheit keine Sorgen mehr machen.

Ich stelle mich brav in die kleine Schlange. In dem semischick mit Aufstellern dekorierten Seminarraum finde ich etwa 30 Stühle, viele HInweise auf essen, ein Buffet mit eingeschweisten Schokoriegeln, Chips und Fertigtütensuppen. Außerdem steht vor mir eine schick gekleidete, mäßig dünne Tante mit Fönfrisur und leicht gezwungenem Lächeln. Die ausschließlich weiblichen Teilnehmer hopsen eine nach der anderen aufs Schafott. Das Schafott ist eine High Tech Waage aus den 70ern mit einem Kabel zur Anzeige, die hinter einem Metallsichtschutz auf dem Tisch steht. Top Secret, die Kilomarke!

Komisch. Trashfood und relativ schlanke Menschen… so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Eher wie die Versammlung der Wale zur Paarungszeit vor der Küste Rios, die pausenlos mit Tomaten und Gurken beworfen werden und ihre Schokoladensünden gestehen müssen.
Ich warte, bis die genervte Brillentante hinter dem Schirmchen mich anguckt uns sage dann: „Äh. Ich will mich anmelden.“ Sie mustert mich und sagt dann gedehnt freundlich: „Ja, dann nehmen Sie doch bitte Platz und nach dem Treffen kommen Sie nach vorne und ich erkläre Ihnen alles.“ Sie drückt mir ein kleines Prospekt in die Hand. Drin steht sowas wie „Omas Erbsensuppe“ und „Leichtere Alternative“. Die rechte Hälfte ist noch leer und ich frage mich, ob das jetzt ein lustiger Lückentext wird, den wir raten dürfen. Und ob ich das hier ernst nehmen darf.

Ich starre auf eine Pappdrehscheibe mit Hochglanz Fotos von Essen vor mir. Mein Magen knurrt.

Nach einer halben Stunde ist auch der Rest der lustigen Gesellschaft eingetroffen. Von einer jungen Mutter bis zu Oma Berta sitzt hier alles, durch alle Schichten. Eigentlich interessant, nur dass ich nach kürzester Zeit maximal gelangweilt bin. Nächstes Mal nehme ich mir was zu lesen mit.. oder was zu stricken. Wie die Oma hinter mir.

Die Brillentante fängt an zu reden. Ich stelle fest, dass sie eine unnachahmliche Art hat, unvorbereitet zu sein. Fast jeder Satz wird abgelesen aus dem kleinen Karteikartenblock, den sie als Leiterin des Treffens anscheinend von den WWs bekommen hat. Außerdem hat sie eine Lache wie ein Pferd. Nicht unsympathisch. Aber ich kann mich nicht entscheiden, ob ich die Pferdelache und ihren Dialekt ertragen kann. „Für Leute, die wo keine Linsen mögen…“

Das beste sind allerdings die Themen: Es wird über Bratäpfel diskutiert, die mit Dominosteinen gefüllt und in der Mikrowelle gemacht werden statt mit Marzipan und im Ofen, Löffel Nutella, die man in den Kühlschrank legt zum härten und dann lutscht – statt Schokolade, über Dosenlinsen statt trockener, weil die weniger Punkte haben und über Fertigsuppen, deren Nachteil laut der versammelten Pfosten hier nur in ihren vielen Kalorien liegen.

Mein Magen dreht sich überraschend erst vollends um, als Halbfettmargarine und Süßstoff als ernsthafte Alternativen zu Butter und Zucker diskutiert werden und andere Low-Quality Low-Calorie Verbrechen der Nahrungsmittelindustrie. Gleich erzählen sie mir noch, dass ich den fettreduzierten Käse essen soll. Igitt. Wenn ich auf einer Käserinde kauen will, frage ich meine Mitbewohner nach ihren Resten.. die muss ich nicht für Geld im Supermarkt erwerben.
Ich habe einen JD-Moment (der aus Scrubs mit den Tagträumen), in dem ich dramatisch mit den Armen fuchtelnd aufstehe und laut herausbrülle: ESST GESUND, IHR PFEIFEN! Niemand braucht sechs Scheiben Low-Fat Käse! *facepalm*

Trotz aller Grausamkeiten erreiche ich das Ende der Veranstaltung ohne geistige Umnachtung. In Anbetracht des Süßigkeitenregals werde ich neugierig. Mesmerisiert von der leckeren Schokoladenbildchen vorne drauf nehme ich einen in die Hand und gucke auf die Zutaten. Nicht die Kalorien. Die stehn ja drauf. Klar, überall Süßstoff drin. Bäh. Die anderen Tanten finden es anscheinend furchtbar lecker. Ich warte geduldig auf die Pferdefrau, meine Beichtmutter.

Zuerst fragt sie mich, warum ich abnehmen will und erklärt mir dann in kleinen Schritten das System. Naja, hört sich sinnig und nicht zu anspruchsvoll einzuhalten an. Außerdem kann ich dann weg von meiner Radikalumstellung und muss nicht mehr Sellerie kauen und traurig gucken. Und wenn es nicht klappt, kann ich wenigstens die Pferdefrau dafür verantwortlich machen. Nachdem sie ihren Vortrag beendet hat, melde ich mich  an. Ich denke an Fotos von vor einem Jahr, meinen gesunden Menschenverstand und seine Zigarettenquote.

Dafür halte ich auch die Pferdelache aus und die Frage: „WEER isst denn die Kaki? DIE KAKIII?“


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Der Milchaufschäumer

Zu den neuen Errungenschaften unserer WG gehört ein elektrischer Milchaufschäumer. Nur weil wir Ökos sind, muss man nicht auf Komfort verzichten, scheint das Gerät von der Anrichte zu schreien. Einsam zwischen die hässliche, klobige, alte und zu allem Überfluss auch noch weisse Kaffeemaschine mit Omablümchen und die Bohnenmühle gequetscht herrscht das neumodische Designgerät Aufmerksamkeit heischend.

Leider ist Milch darin angebrannt und weder Mona noch ich wissen, wie wir das Scheißding wieder sauber kriegen sollen.

Unmutig stehen wir davor und glotzen in den Topf.

„Moment!“ sage ich, greife nach dem Spüli, tropfe einen Tropfen rein und stelle das Ding wieder an.

„Geile Idee.“ sagt Mona, guckt rüber zum Spüli und packt die Flasche.

Während sie einen großzügigen Schuss dazugibt, erklärt sie: „Da wo ich früher gewohnt habe, hat mal jemand Waschmittel in den Brunnen geschüttet über Nacht. Das war geil.“

Gebannt verfolgen wir das Rotieren und leise Summen des Quirls im Topf, aber nichts passiert.

Ich sage: „Da hätte ich jetzt aber mehr erwartet.“

Sie nickt zustimmend. „Ja. Scheiß Ökospüli.“